Ein Projekt des Schweizerischen Gemeindeverbands.
Un projet de l’Association des Communes Suisses.
Un progetto dell’Associazione dei Comuni Svizzeri.

Beiträge nach Tags

Innovativ? Ja! Und nachhaltig? – die Herausforderung für kommunale Projekte

Innovativ? Ja! Und nachhaltig? – die Herausforderung für kommunale Projekte

08.01.2019

Gastbeitrag von Jacqueline Zimmermann, Projektverantwortliche bei ProJuventute Kanton Bern

Mit Finanzhilfen für innovative Modellvorhaben zu einem bestimmten Thema fördert der Bund Projekte auf lokalen, regionalen und kantonalen Ebenen. Einerseits profitieren Gemeinden mit der Möglichkeit direkt am Projekt teilzunehmen und andererseits könnten Gemeinden die Ergebnisse der abgeschlossenen Projekte nutzen. Im Folgenden wird die Herausforderung von solchen Modellvorhaben beschrieben und aufgezeigt, wie das entwickelte Wissen aus diesen Vorhaben interessierten Kantonen und Gemeinden zugänglich gemacht werden kann.

Qualitätsregelkreis: Die Politik entwickelt systematisch eine Strategie, die sie laufend überprüft, ausgerichtet auf die Vision.

Qualitätsregelkreis: Die Politik entwickelt systematisch eine Strategie, die sie laufend überprüft, ausgerichtet auf die Vision.


Die Mitwirkung der Bevölkerung zur Stärkung der Gemeinschaft in der Gemeinde ist oft fester Bestandteil eines Gemeindeleitbildes und ein wichtiges Element bei der Auswahl eines Wohnortes. Innovative Ideen und lokale Projekte zur Stärkung des Sozialen Miteinanders sind gefragt und werden von diversen Stiftungen und Organisationen – unter anderem vom Bund – finanziell unterstützt. Dabei liegt der Fokus der Projektförderung auf dem Aspekt der Innovation. Es soll etwas Neues entstehen, gemeinnützig sein und nachhaltig wirken. Allerdings sind Unterstützungsbeiträge in der Regel auf eine bestimmte Zeit begrenzt. Es sollen einerseits qualitätssichernde Ergebnisse erarbeitet werden, und andererseits sollen die Weiterführung und die Finanzierung über das Projekt hinaus sichergestellt werden.
Wird ein Projekt eingereicht und eine Zusage erhalten, bedeutet dies ein grosser Glücksmoment und eine Pause in der Mittelbeschaffung. Endlich kann umgesetzt werden! Erste Ergebnisse werden - hoffentlich bald - sichtbar. Sind sie erfreulich, zeigen sie das Potenzial der Modellvorhaben auf und machen deutlich, dass eine Weiterführung erstrebenswert ist. Hier kommt die Frage nach der Nachhaltigkeit ins Spiel: Ist die Weiterführung finanziert und kann das Projekt in den laufenden Betrieb überführt werden?

Beiträge an Projektcharakter gebunden
Erneute Anfragen bei Stiftungen, Organisationen und öffentlichen Stellen machen klar: Das Projekt ist kein Projekt mehr, die Innovation ist bereits geschehen. Weitere Finanzierungen werden daher nicht geleistet. Absagen ähneln sich im Wortlaut: „weil es hier um eine Fortführung bzw. weitere Verbreitung von etwas Bestehendem geht, weniger um die Entwicklung von etwas Neuem, sind die Übereinstimmungen mit unseren Förderbedingungen nicht erfüllt.“

Das wirft die Frage auf: Wie können erfolgreiche und innovative Projektideen über die eigentliche Modellphase hinweg nachhaltig in der Gemeinde verankert respektive genutzt werden?

Einbinden in Qualitätsmanagement notwendig
Vor dem Hintergrund allgemeiner Budgetrestriktionen hinsichtlich neuer Angebote lokaler Partizipationsprozesse kann es helfen, wenn diese in ein umfassendes Qualitätsmanagement eingebunden werden. Es ist ein Anliegen der Politik, die Angebote zu überblicken und sie zu einer gemeinsamen Vision zu verpflichten: Die Stärkung der Gemeinschaft. Ähnlich wie es bei Vorgaben der Finanzhilfen von Modellvorhaben erwartet wird, können auch lokale Behörden als Geldgeber verlangen, dass Aktivitäten regelmässig evaluiert und bei Bedarf angepasst werden: Anhand eines übergeordneten Qualitätsregelkreis können sie so die vielseitigen Bedürfnisse erkennen und diese mit zielgerichteten Aktivitäten erfüllen. Als überaus wichtige Informationsquelle dienen hierbei die Erkenntnisse aus Modellvorhaben – d.h. sowohl die der bereits beteiligten Gemeinden selbst sowie die anderer Städte und Dörfer.

Laut ISO Norm* wird Qualität als „Gesamtheit von Merkmalen eines Produkts, zur Erfüllung von Forderungen von Kunden und anderer interessierten Parteien“ definiert. Kürzer und einfacher: Qualität ist, wenn Anforderungen und Bedürfnisse erfüllt werden. Dabei ist es wichtig, die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen miteinzubeziehen und laufend die Anforderungen der Bevölkerung zu überprüfen.

Qualität setzt voraus, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse einbringen und gemeinsam die Entwicklung der Aktivitäten vorantreiben und mittragen können. Partizipation wird somit zum Grundelement einer wirkungsvollen Angebotsgestaltung und verkommt so nicht zur Worthülse. Bei einer breitabgestützten Beteiligung, die bereits am Anfang sichergestellt wird, besteht eine gute Chance, dass Qualität gelebt wird. Auch dazu liefern die Modellvorhaben wertvolle Aussagen, denn ohne partizipativer Entwicklungsprozess wird heute kaum mehr ein Projekt unterstützt.

Potenzial wahrnehmen: Marktplatz Innovation
Die Modellvorhaben bieten für die Gemeinden und Kantonen sehr viele Chancen, aber werden diese auch genügend genutzt?

„Quality is never an accident; it is always the result of intelligent effort“ schreibt John Ruskin. Es braucht ein intelligentes Vorgehen, um das vorhandene Wissen aus den Modellvorhaben den Gemeinden und Kantonen zugänglich zu machen. Dies auch, um die Verbreitung der Erkenntnisse aus den Modellvorhaben zu ermöglichen. Hier stellt sich jedoch die Frage der Zuständigkeit.

Eine beauftragte gut vernetzte Stelle, als Beispiel der Schweizerische Gemeindeverband, lädt zum Marktplatz der Innovation ein. Mittels dieser Austausch-Plattform können sich Gemeinden und Kantone über die neusten Entwicklungen und Ideen informieren. Dieser Austausch bietet zugleich eine niederschwellige direkte Kontaktaufnahme mit den zuständigen ProjektleiterInnen. Die Gemeinden profitieren, indem sie aus einer breiten Palette neuer getesteten Ansätze und Ideen, zielgerichtet ihre Aktivitäten einkaufen können. Damit wird nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit wirkungsvoller Modellvorhaben geleistet, sondern auch der Austausch und die Vernetzung zwischen Bund, Kanton und Gemeinden werden gestärkt. Es mindert zudem die Gefahr, dass erneut ein Papier für die Schublade produziert wird.

*International Standard Organization

 
 

Beitrag teilen

 
 
Stimmbeteiligung – ist weniger manchmal mehr?

Stimmbeteiligung – ist weniger manchmal mehr?

12.11.2018

Gastbeitrag von Thomas Milic (Institut für Politikwissenschaft, UZH)

Im Schnitt nimmt weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten an eidgenössischen Urnengängen teil, bei kantonalen und lokalen Abstimmungen liegt die Beteiligungsrate in der Regel noch tiefer. Diese chronisch tiefe Partizipation wurde und wird oftmals wortreich bedauert und sie steht im Gegensatz zum Ideal der sogenannten partizipativen Demokratietheorie: Die Beteiligung aller an Volksentscheiden. Doch nicht alle teilen diese Haltung. Die Verfechter der elitären Demokratietheorie, etwa der Philosoph Joseph Schumpeter, argumentierten, dass es für das Funktionieren einer Demokratie nicht schädlich, sondern im Gegenteil gar förderlich sei, wenn sich bloss eine zahlenmässig geringe, aber hochinformierte Minderheit beteilige. Diese «elitäre» Sichtweise ist gerade in der basisdemokratischen und volksnahen Schweizer Politik wenig populär bzw. kaum jemand wagt es, sich offen zu dieser Sichtweise zu bekennen. Die Reaktionen nach eidgenössischen Urnengängen offenbaren jedoch, dass diese Sichtweise wohl weiter verbreitet ist als es den Anschein macht. Denn nach Abstimmungen argumentiert die unterlegene Seite immer wieder, dass das Elektorat zu wenig gut informiert war oder –im Endeffekt läuft auch dies auf unzureichende Informationen hinaus – bewusst irregeführt wurde. Ab und an wurden gar Wiederholungsabstimmungen gefordert, die den «falschen», weil uninformierten Entscheid korrigieren sollen. Letzteres zeigt, dass man die Legitimität eines Volksentscheids anzweifelt, wenn er auf der Grundlage ungenügender Informationen gefällt wurde.

Symbolbild

Das Problem dabei ist: Zwischen Beteiligungshöhe und Informiertheitsgrad besteht wahrscheinlich oftmals ein negativer Zusammenhang. Klar, ideal wäre, wenn sich alle beteiligen würden und alle zugleich bestens informiert wären. Realistisch ist jedoch die Annahme, dass sich mit hoher Beteiligung die Entscheidqualität verringert. Das ist natürlich kein Naturgesetz, aber wohl häufiger als das Gegenteil davon. Man denke dabei vor allem auch an den Umstand, dass an Urnengängen oftmals über mehrere Vorlagen gleichzeitig abgestimmt wird. Wir wissen, dass die Beteiligungsrate zwischen den Vorlagen eines Urnenganges nur minim variiert, was wiederum bedeutet, dass eine erhebliche Zahl sich zu Vorlagen äussert, zu welchen sie sich nie geäussert hätte, wäre nicht gleichzeitig über eine andere, sie weitaus stärker bewegende Sachfrage befunden worden. Am besten sei anhand eines Beispiels erklärt, was dies heisst: Wer sich beispielsweise entschied, ausnahmsweise an der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative (DSI, 28. Februar 2016) teilzunehmen, weil jene Vorlage ihn oder sie ausserordentlich bewegte, hat in der Regel auch über die restlichen drei nationalen Vorlagen befunden. Die Beteiligung zwischen der DSI (63.7%) und der Nahrungsmittelspekulation-Initiative (62.9%) unterschied sich um gerade mal 0.8 Prozentpunkte. Diese Beispielsperson hätte sich jedoch kaum an jener Vorlage beteiligt, wenn eben nicht gleichzeitig über die DSI abgestimmt worden wäre. Der Punkt ist: Es ist davon auszugehen, dass sie sich auch nicht sonderlich intensiv mit der Nahrungsmittelspekulation (oder den anderen beiden Vorlagen vom 28.2.2016) auseinandergesetzt hat, denn teilgenommen hat unsere Beispielsperson ja bloss wegen der Zugpferd-Vorlage DSI. Die hohe Beteiligung bei der DSI, so die Vermutung, könnte demnach Auswirkungen auf die Entscheidqualität der anderen drei Vorlagen gehabt haben. Schadet demnach eine hohe Beteiligung der Entscheidqualität bei Volksabstimmungen? Ich habe dies am Beispiel des Urnenganges vom 28. Februar 2016 genauer angeschaut, wo über die hochkontroverse DSI abgestimmt wurde, welche eine aussergewöhnlich hohe Beteiligung auslöste (63.7%), aber gleichzeitig auch über drei weniger konfliktreichen Vorlagen.

Zunächst aber zum Begriff Entscheidqualität. Entscheidqualität ist ein etwas unpräziser Begriff mit verschiedenen Dimensionen. Eine Dimension ist beispielsweise der Umstand, wie informiert die Stimmenden waren. Tatsächlich waren die Stimmenden bei der Nahrungsmittelspekulation, der Heiratsstrafe und der zweiten Gotthardröhre wie erwartet weniger gut informiert als bei der DSI. Aber das heisst noch nicht notwendigerweise, dass diese Stimmenden auch falsch – d.h. entgegen ihren eigentlichen Präferenzen – gestimmt haben. Die politische Kognitionsforschung hat gezeigt, dass auch dürftig informierte Wählende dank mentalen Entscheidhilfen wie zum Beispiel Parteiparolen, Regierungsempfehlungen, etc. imstande sind, einen rationalen, «richtigen» Entscheid zu fällen. Mit anderen Worten: Selbst wenn diese schlecht Informierten gut informiert gewesen wären, so hätten sie genau gleich abgestimmt. Im Prinzip ist diesen Stimmenden gar ein Kränzchen zu winden: Sie haben mit minimalem kognitivem Aufwand genau dasselbe Ziel erreicht wie Stimmende, die sich intensiv mit der Materie auseinandersetzten. Traf dies auch beim Urnengang vom 28. Februar 2016 zu? Genau das habe ich am Beispiel der Nahrungsmittelspekulation und mit Hilfe des Konzepts des «correct votings» untersucht. Dabei standen vor allem jene im Fokus, die sich primär wegen der DSI beteiligten und ansonsten kaum teilgenommen hätten. Denn diese standen, wie oben ausgeführt, am ehesten im Verdacht, die Entscheidqualität zu drücken. Dieser Verdacht ist indessen kaum begründet: Rund elf Prozent der Stimmenden stimmten bei der Nahrungsmittelspekulation gemäss meiner Erhebung falsch. Dieser Anteil ist nun bei den «Gelegenheits-Urnengänger», also jene, die sich kaum je beteiligen, aber bei der DSI für einmal zur Urne gingen, nicht viel höher. Das Ergebnis wurde im Falle der Nahrungsmittelspekulation durch die Teilnahme der «Gelegenheits-Urnengänger» nicht verfälscht. Das geht weiter auch daraus hervor, dass sich keines der drei Abstimmungsergebnisse, über die am 28. Februar 2016 neben der DSI befunden wurde, wesentlich geändert hätte, wären nur jene zur Urne gegangen, die sich auch genuin für diese Vorlage interessierten.

Eine hohe Beteiligung spült zwar auch dürftig informierte Stimmberechtigte an die Urnen, die nur wenig Interesse an jenen Sachfragen haben, die neben der Zugpferd-Vorlage auch noch vorgelegt werden. Aber sie scheinen mithilfe von allerlei mentalen Abkürzungen oftmals imstande zu sein, gleichwohl einen (halbwegs) vernünftigen, mit ihren Präferenzen übereinstimmenden Entscheid zu fällen. Mehr Beteiligung ist also auch mehr Legitimität. 

Dr. Thomas Milic ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter beim Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Er ist auch Projektmitarbeiter am ZDA.

 
 

Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Kontext der Gemeinde: Herausforderungen und Chancen

04.05.2018

Gastbeitrag von Rebecca Mörgen und Prof. Dr. Peter Rieker (Institut für Erziehungswissenschaft, UZH)

Die Fragen der Mitwirkung und Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in ihren alltäglichen Handlungskontexten finden in den letzten Jahren zunehmende Beachtung. Dementsprechend wurden in den letzten Jahren auf der Ebene der Gemeinden vermehrt Partizipationsgremien geschaffen, in denen Kinder und Jugendliche demokratische Prozesse kennenlernen, einüben und selbst aktiv mitgestalten sollen.

In demokratisch verfassten Gesellschaften gilt es als erstrebenswert, die Bürgerinnen und Bürger in Angelegenheiten und Entscheidungsprozesse, die sie betreffen, einzubinden. Dies setzt den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und öffentlichen Räumen ebenso voraus, wie die Fähigkeit zur politischen und gesellschaftlichen Teilhabe. In diesem Zusammenhang finden Fragen der Mitwirkung und Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in ihren alltäglichen Handlungskontexten in den letzten Jahren zunehmende Beachtung. Man verspricht sich davon nicht nur die Möglichkeit, Wünsche und Bedürfnisse Heranwachsender besser berücksichtigen zu können, sondern auch eine früh ansetzende Befähigung zur demokratischen Mitwirkung. Dementsprechend wurden in den letzten Jahren auf der Ebene der Gemeinden vermehrt Partizipationsgremien geschaffen, in denen Kinder und Jugendliche demokratische Prozesse kennenlernen, einüben und selbst aktiv mitgestalten sollen. Gleichzeitig ist in pädagogischen Handlungsfeldern immer auch zu berücksichtigen, dass Partizipationsprozesse durch Ungleichheitsverhältnisse zwischen den Erwachsenen und den Kindern und Jugendlichen gekennzeichnet sind, die sowohl mit Herausforderungen als auch Chancen einhergehen können. Diese werden insbesondere dann deutlich, wenn die Einbindung von Kindern und Jugendlichen in Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen in Bezug auf sie betreffende Angelegenheiten erfolgt. 

Im Folgenden wird sich auf die Frage der Partizipation von Kindern im Kontext der Gemeinde konzentriert – konkret geht es um Aktivitäten eines Kinderrates sowie um die offene Quartiersarbeit. Die Ausführungen stützen sich auf eine Untersuchung zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, die zwischen 2012 und 2014 am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich im Auftrag von UNICEF Schweiz durchgeführt wurde. [1]

Möglichkeiten der Mitentscheidung und die Frage der Strukturierung durch Erwachsene
Das Erleben von Mitwirkungs- und Entscheidungsmöglichkeiten zeigt sich vor allem in kommunalen Kontexten. So berichtet Melanie über eine Veranstaltung, die sie im Kinderrat organisiert haben:

Und dann sind wir eben auf die Idee mit dieser Veranstaltung gekommen und dann haben wir als erstes im Kinderrat so Brainstorming gemacht, was denn die Stolpersteine sind, wo wir dieses Projekt veranstalten könnten, wie viele Kinder ungefähr kommen sollten, wie viele Workshops und welche, ja. […]. Und dann haben wir abgestimmt, wer welchen Workshop übernimmt, dort haben wir einen Zeitplan gemacht, wann wir Pausen machen und so und eine Materialliste, was wir alles für welche Posten brauchen. (Melanie, 12 Jahre)

In dieser Schilderung erscheint die Erzählerin als kompetente und aktive Mitorganisatorin einer von ihr mitentworfenen Veranstaltung. Obwohl in dieser Schilderung eine Strukturierung der Teilhabe durch Erwachsene durchscheint, stehen die Kinder als Akteurinnen und Akteure deutlich im Vordergrund. Erst in den Schilderungen ihrer Freundin Sabrina wird die strukturierende Rolle der sozialpädagogischen Fachkraft explizit, die den Kinderrat in der Gemeinde leitet. Sie erzählt etwa, dass die „Hauptidee“ zwar die Fachkraft gehabt habe, aber „wir konnten dann entscheiden, ob wir einverstanden sind“ (Sabrina). Mitunter wird aber auch betont, wie voraussetzungsvoll diese Partizipationsprozesse sind, mit welch großer Verantwortung sie verbunden sind und dass sie tendenziell auch mit Überforderung einhergehen können – dann etwa, wenn in kurzer Zeit eine weitreichende Entscheidung getroffen werden muss. Vor diesem Hintergrund werden Strukturierung, Anleitungen und Entscheidungen durch Erwachsene als hilfreich und entlastend beschrieben. Ihnen wird zentrale Bedeutung zugeschrieben, wobei nicht immer klar wird, inwieweit Kinder sie auch als Infragestellung ihrer aktiven Teilhabe an Entscheidungsprozessen erleben.
Weniger ambivalent werden Erwachsene dann erlebt, wenn es nicht um die Organisation gremienförmiger Partizipationsprozesse geht, für deren Funktionieren sich pädagogische Fachkräfte verantwortlich fühlen, sondern um kleine Projekte, die Kinder z.B. im Rahmen der Quartiersarbeit umsetzen.

Mit Adelina, Layla und Dinorah habe ich eine Hutparty organisiert [W]ir fragen dann Amelie, dürfen wir etwas organisieren, nachher sagt sie ja, nachher sagen wir einfach, was es ist, und nachher machen wir so eine Liste, grosse Liste, mit Wochen, wie viel Zeit wir haben. […] Solche Sachen machen wir einfach. (Daniel, 10 Jahre)

Skizziert wird hier ein von den Kindern weitgehend selbstständig realisierter Planung-, Entscheidungs- und Umsetzungsprozess, wobei die Kinder sich als diejenigen sehen, die die Gestaltungshoheit haben, während Erwachsene lediglich als Assistierende fungieren, die z.B. die Bereitstellung der benötigten Ressourcen sicherstellen.

Zusammengenommen scheint die Partizipation von Kindern und Jugendlichen auf kommunaler Ebene durch widersprüchliche Aspekte geprägt zu sein. Einerseits erleben sich Kinder in diesen Kontexten als mitentscheidende Akteure und Akteurinnen, die eigene Projekte gestalten und umsetzen und auf diese Weise Selbstwirksamkeit und Kompetenzzuwachs erleben. Andererseits machen sie teilweise die Erfahrung, dass pädagogische Fachkräfte sich nicht auf eine assistierende Begleitung beschränken, sondern eine strukturierende Rolle einnehmen und sich bemühen, Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen zu vermitteln. Die angemessene Balance zwischen diesen Aspekten scheint besonders wichtig dafür zu sein, dass Kinder und Jugendliche sich nicht demotiviert und enttäuscht abwenden und sich mit steigendem Alter zunehmend weniger engagieren.

[1] Rieker, P./Mörgen, R./Schnitzer, A./Stroezel, H. (2016): Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Formen, Bedingungen und Möglichkeiten der Mitwirkung und Mitbestimmung in der Schweiz. Wiesbaden: Springer VS.

 
 
Das Begegnungszentrum als partizipativer Raum im Bifangquartier in Olten

Das Begegnungszentrum als partizipativer Raum im Bifangquartier in Olten

10.04.2018

Gastbeitrag von Christoph Wüthrich, Zentrumsleiter Cultibo

Das Begegnungszentrum CULTIBO in Olten befindet sich mitten im kulturell durchmischten und lebendigen Bifangquartier. Das im Jahr 2011 gegründete Zentrum stellt von Beginn an eine Plattform für die Quartierbevölkerung dar, auf der sie sich mit eigenen Ideen und Themen einbringen und diese einem breiteren Publikum vorstellen kann.

Das Begegnungszentrum (Cultibo) wurde gegründet, um für die Quartierbevölkerung einen nicht kommerziell orientierten, niederschwelligen und partizipativen Ort zu schaffen. Auslöser war das Projekt „Chance Olten Ost“ als Teil des Bundesprogramms "Projet urbain". Ziel war dabei, die Quartierbevölkerung dazu zu bringen, sich im eigenen Stadtteil zu engagieren. Das Begegnungszentrum ist ein Produkt dieses Partizipationsprozesses. Der Trägerverein Begegnungszentrum CULTIBO wurde im Jahr 2010 geründet, nach Abschluss von Workshops im Rahmen des Entwicklungsprojektes und entsprechend den Vorschlägen einer Arbeitsgruppe.

Der Quartier- und Stadtbevölkerung steht es frei, an den bestehenden Angeboten des CULTIBO teilzunehmen, sich mit eigenen Ideen einzubringen und Impulse für die Ausrichtung des Zentrums zu geben. In diesem Sinne sind einige Angebote entstanden, welche zu Beginn als Bedarf von Seiten der Quartierbevölkerung und NutzerInnen ausserhalb des Quartiers geäussert wurden. Dabei handelte es sich einerseits um MigrantInnen und Migranten, welche nach neuen Konversationsmöglichkeiten suchten und andererseits um QuartierbewohnerInnen, welche sich für den Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt im Quartier einsetzten. Im Bereich der sprachlichen und kulturellen Integration entstanden in der Folge Angebote wie das Café International, verschiedene Konversationsgruppen für Fremdsprachige und das Schweizerdeutsch für Einsteiger, welche den Migranten und Migrantinnen den Zugang zur einheimischen Bevölkerung erleichtern sollen. Im Bereich Familien- und der Frühförderung entstanden ein Elterntreff und eine Musik- und Spielgruppe für Eltern mit Vorschulkindern. Im Bereich Kultur entstand das Café Philo, welches sich praktischen philosophischen Fragen widmet und gleichzeitig ein Mitwirkungsgefäss für weitere kulturelle Anlässe darstellt. Auf Anregung der Quartierbevölkerung entstanden auch eine Yoga-Gruppe, eine Diskussionsgruppe für Arbeitssuchende und mehrere Projekte, welche sich mit einer nachhaltigen Lebensweise auseinandersetzen. Alle diese Angebote und Projekte finden im Begegnungszentrum geeignete und zentrale Räumlichkeiten vor.

Von der Bevölkerung geäusserte Ideen werden zusammen mit der professionellen Zentrumsleitung weiterentwickelt, konkretisiert und umgesetzt. Partizipation ist daher auch immer eine Frage der Ressourcen. Denn nicht nur die Quartierbevölkerung benötigt Strukturen, welche Partizipation ermöglichen, auch die professionelle Begleitung muss materiell gewährleistet sein, damit diese Strukturen auch sinnvoll und effizient genutzt werden.

Im Weiteren können sich QuartierbewohnerInnen in einer bestehenden Betriebsgruppe einbringen und auf diesem Weg den betrieblichen Alltag des Zentrums mitgestalten. Eine solche Gruppe ist die Supportgruppe, die sich viermal im Jahr trifft. Ein wiederkehrendes Thema ist das jährlich stattfindende Quartierfest, welches von verschiedenen Vereinen, Organisationen und der reformierten Kirche getragen wird und bei dem sich unzählige Freiwillige für ein Gelingen des Festes einsetzen. Die Organisation des Quartierfestes ist ein wichtiges Themenfeld der Supportgruppe und gibt ihr die Möglichkeit, sich über die räumlichen Grenzen des Begegnungszentrums hinweg mit der Arbeit im Quartier auseinanderzusetzen und auch Menschen zu erreichen, welchen den Zugang zum Quartierleben oft nicht ohne aussenstehende Hilfe finden. Das Begegnungszentrum hat laut der Leistungsvereinbarung mit der Stadt Olten den Auftrag, die Partizipation im Gemeinwesen anhand der Vernetzung der Quartierorte zu fördern. Das Quartierfest bietet dafür eine gute Möglichkeit, weitere BewohnerInnen des Quartiers zu aktivieren, sie auf die verschiedenen Angebote aufmerksam zu machen und dazu zu bewegen, selbst für das Quartier aktiv zu werden.

Neben der Supportgruppe existiert auch eine Kochgruppe, welche jeden zweiten Freitag das CULTIBO-Zmittag organsiert. Diese Gruppe bietet einen Mittagstisch für die Quartierbevölkerung an. Neben einem festen Kernteam werden auch immer wieder andere NutzerInnen des CULTIBO eingeladen, einen Kochtag zu übernehmen.
Ein weiteres Gefäss, welches die Partizipation im Begegnungszentrum fördert, sind Anlässe, bei welchen sich aktive NutzerInnen und interessierte QuartierbewohnerInnen untereinander austauschen können. An einem Dankes-Apéro für alle freiwillig und ehrenamtlich Tätigen geht es neben dem Austausch und dem Kennenlernen auch darum, neue Ideen für das Begegnungszentrum zu finden. In einem informellen Rahmen sind die Zentrumsleitung und der Vorstand bestrebt, Anliegen und Ideen der beteiligten Personen aufzunehmen.

Sommerbrunch 
Sommerbrunch



 
 
 
Ein Wegweiser durch den Partizipations-Dschungel

Ein Wegweiser durch den Partizipations-Dschungel

19.03.2018

Gastbeitrag von Jonas Hirschi, wissenschaftlicher Mitarbeiter Dachverband Schweizer Jugendparlamente

„Die politische Partizipation von Jugendlichen ist wichtig und sollte gefördert werden.“ Dieser zentrale Vorsatz ist in einer stolzen Demokratie wie in der Schweiz oft zu hören. Doch was bedeutet eine Förderung der politischen Partizipation von Jugendlichen genau? Unter diesem Anliegen verstehen alle etwas Anderes und es gibt kaum klare Definitionen und Modelle um das Ziel genau zu erfassen. Dieser Beitrag will etwas Licht ins Dunkel bringen.

Es ist Wahlsonntag. Sie kommen in das Wahllokal, um Ihre Stimme abzugeben. Selbstverständlich machen Sie dies nicht geheim, denn dies könnte ja Verdacht auslösen. Da Sie sowieso nicht einzelne Parteien wählen können, sondern nur einen Wahlvorschlag mit klaren Mehrheitsverhältnissen bestätigen müssen, spielt dies aber keine Rolle.

Dass solche Wahlen nicht als politische Partizipation bezeichnet werden können, ist allen klar. Dass eine solche Pseudo-Partizipation eher zu einer Befremdung als zu einer Identifikation mit dem politischen System führt, wohl ebenso. Dennoch wurden solche Vorgänge in der DDR als Wahlen bezeichnet - in der Bevölkerung nannte man den Vorgang lediglich „Zettelfalten“.

Definition der politischen Partizipation
Auch heute noch gibt es viele pseudo-partizipative Angebote – insbesondere für die Jugendlichen. PolitikerInnen treffen Jugendliche und zeigen sich interessiert an ihren Anliegen. Dennoch bleiben diese oft ohne Folge.

Doch was ist denn politische Partizipation? Wie kann der Begriff erfasst werden? Da es nur wenige Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet gibt, hat sich der DSJ als neutrales Kompetenzzentrum für politische Partizipation diesem Thema angenommen und aufgrund seiner langjährigen Erfahrung Modelle erarbeitet. Denn gerade das politische System der Schweiz mit ihren direktdemokratischen Möglichkeiten und dem Milizcharakter ist auf Wissen in diesem Bereich angewiesen – nicht zuletzt um mit partizipativen Angeboten die politische Nachwuchsförderung sicherzustellen.
So definiert der DSJ die politische Partizipation von Jugendlichen als eine kollektive Partizipationsform, bei der Jugendliche in übergeordnete Planungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Die politische Partizipation unterscheidet sich somit von der individuellen Partizipation (z.B. das Anhörungsrecht von Kindern in Scheidungsfällen der Eltern) oder kollektiver, gesellschaftlicher Partizipation (z.B. das Mitwirken in der Pfadi).


Formen der politischen Partizipation

Für zusätzliche Klarheit kann eine Kategorisierung der Partizipationsangebote anhand von sechs Formen sorgen. So können Partizipationsangebote unterschieden werden, je nachdem ob sie bezüglich des Zeitraums, der Thematik und der Methodik offen oder begrenzt sind. Ein Jugendparlament ist beispielsweise eine dauerhafte Einrichtung, in welcher die Jugendlichen selbst bestimmen welche Themen sie mit welchen Mitteln umsetzen wollen – es ist somit ein strukturelles Partizipationsangebot.
Eine Jugendmotion hingegen gibt die Methodik vor und ist somit eine instrumentelle Partizipationsform. Easyvote unterstützt die Partizipation bei bestehenden Angeboten, die bezüglich Zeitraum, Thematik und Methodik festgesetzt sind und ist somit ein unterstützendes Partizipationsangebot.

Folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die verschiedenen Partizipationsformen.


Qualitätsmerkmale von partizipativen Angeboten

Unter den Partizipationsangeboten gibt es Qualitätsunterschiede. In der Wissenschaft wird die Bewertung immer noch oft mit der Partizipationsleiter von Sherry Arnstein aus dem Jahr 1969 dargestellt, welche von Manipulation bis hin zu Citizen Control reicht. Der DSJ hat ein eigenes Modell entwickelt, um verschiedene Qualitätskriterien abzubilden. Dabei wird ein Partizipationsangebot nach fünf Fragen beurteilt: In welchen Phasen des politischen Prozesses ist das Angebot eingebunden? Wie stark ist das Angebot institutionalisiert? Welche Wirkung übt das Angebot aus? Ist das Angebot jugendgerecht ausgestaltet? Können möglichst viele Personen am Angebot teilhaben?
Für die Darstellung wurde ein Spider-Diagramm gewählt. Je stärker die Fläche des Kreises ausgefüllt ist, desto eher entspricht eine Partizipationsform dem Idealbild des DSJ von politischer Partizipation von Jugendlichen. In der Praxis kann ein einzelnes Angebot kaum alle Kriterien erfüllen und es ist wichtig einen Fokus auf gewisse Kriterien zu setzen. Das Ziel sollte sein, dass durch eine vielfältiges Angebot den Kriterien nachgegangen wird.


Bedürfnis nach politischer Partizipation
All diese Überlegungen und Einschätzungen sind ja ganz nett, nützen aber wenig, wenn die Angebote nicht auch von den Jugendlichen nachgefragt werden. Tatsächlich haben gewisse Projekte Mühe genug Teilnehmende zu finden, es gibt aber auch Partizipationsangebote, die stark nachgefragt werden: So nehmen an den Sessionen des Jugendparlaments SG/AI/AR zweimal jährlich je etwa 100 Teilnehmende teil und die junge freie Liste Wünnewil-Flamatt erzielt bei Wahlen hervorragende Resultate und stellt knapp einen Fünftel der Parlamentsmitglieder.

Das Bedürfnis nach mehr Mitbestimmung zeigt sich auch in diversen Studien. So geben in der Scoop-It Umfrage 2014 und im easyvote-Politikmonitor 2016 zwischen einem Viertel und der Hälfte (je nach föderaler Ebene) der Jugendlichen an, mehr mitbestimmen zu wollen. Die Nachfrage nach politischer Partizipation ist bei der Jugend vorhanden, es kommt ganz auf die Ausgestaltung an, ob sie genügend Jugendliche anspricht. Auch sprechen nicht alle Angebote die gleichen Jugendlichen an – es gibt beispielsweise Jugendliche, die sich gerne in festen Strukturen engagieren und andere, die lieber projektorientiert oder digital mitwirken.

Um diesen unterschiedlichen Bedürfnissen nachzukommen, entwickelt der DSJ stets neue Angebote. Zudem berät und unterstützt der DSJ Gemeinden bei der Förderung der politischen Partizipation der Jugendlichen. Weitere Informationen: www.dsj.ch

 
 
 Partizipation bedingt Kommunikation – Kommunikation hingegen bedingt keine Partizipation

Partizipation bedingt Kommunikation – Kommunikation hingegen bedingt keine Partizipation

24.01.2018

Gastbeitrag von Esther Räber-Schönenberger, Kommunikationsspezialistin bei der Stadt St.Gallen

In St.Gallen ging die Gemeinde neue Wege hinsichtlich der WerkStadt Bahnhof Nord, um die Bevölkerung einzubeziehen. Dieses Beispiel zeigt auf schöne Weise, wie Partizipation spielerisch gestaltet werden kann.

Die kommunikative Begleitung spielt bei jedem partizipativen Vorgehen eine zentrale Rolle. Nebst der reinen Öffentlichkeitsarbeit rund um die verschiedenen partizipativen Beteiligungsformen gilt es auch jene Teile der breiten Öffentlichkeit mittels gezielter kommunikativer Massnahmen anzusprechen und abzuholen, welche sich in der Regel nicht an Umfragen, Workshops, Themenforen etc. beteiligen.

Zwischen den bekannten wissenschaftlich dokumentieren Ansätzen für partizipative Projektumsetzungen fehlte uns als Bindeglied beim partizipativen Vorgehen Bahnhof Nord klar das Element „Emotionalität“. Niederschwellig und ohne Einstiegshürde sollten Menschen sich spielerisch dem „Planen“ hingeben können.

Eine der zentralen Fragen lautete:
«Wie gelingt es uns Menschen zu motivieren, sich spielerisch mit der Aufwertung und Neugestaltung des Gebiets Bahnhof Nord einzulassen; niederschwellig, ohne grosses Vorwissen oder Ein-stiegshürden?»


«Die WerkStadt Bahnhof Nord»
An der WerkStadt Bahnhof Nord stand Jung und Alt ein überdimensionales 10 Meter langes „1:1 Klötzli-Modell“ des gesamten Testplanungsgebiets mit dem aktuellen Häuserbestands zum Spielen zu Verfügung. Durch die verschiebbaren Klötze konnte Mann, Frau, Kind sich „den“ eigenen Wunsch-Bahnhof Nord bauen oder mit zusätzlichen Haus-Elementen, Bäumen, Wasser oder Wiesen-Teilen bestücken. Jeder Beitrag wurde direkt anschliessend fotografiert und in die riesigen Sprechblasen geklebt und so der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Jene Personen, die nicht spielen wollten, konnten ihre Wünsche, Vorstellung oder Bedürfnisse auf vorbereiteten KlebeSprechblasen notieren und wiederum in den riesigen Sprechblasen aufkleben.
Während der 10 Klötzli-Tagen kamen hunderte von Ideen sowohl in Bild oder Voten zusammen. Diese wurden am anschliessenden Themen-Forum gezeigt und mit einbezogen.


 
 
 
 
 
Partizipation – das machen wir! Warum eigentlich und wie überhaupt? - Erfolgsfaktoren von partizipativen Planungsprozessen in der Innenentwicklung

Partizipation – das machen wir! Warum eigentlich und wie überhaupt? - Erfolgsfaktoren von partizipativen Planungsprozessen in der Innenentwicklung

25.10.2017

Gastbeitrag von Andrea Meier, Projektleiterin in der Stadt- und Regionalplanung bei EBP Schweiz

Innenentwicklung finden alle gut, aber am besten bei den anderen. Spätestens seit dem neuen Raumplanungsgesetz (RPG) im Jahr 2014 ist das Zeitalter der Innenentwicklung jedoch definitiv angebrochen. Im Zentrum steht nicht mehr die Frage «ob», sondern nur noch «wo» und vor allem «wie» verdichtet wird. Genau darüber gehen die Meinungen aber auseinander. Darum sind angemessene Formen für die Beteiligung der Öffentlichkeit tatsächlich viel wichtiger geworden. Schliesslich geht es doch um die Gestaltung des eigenen Lebensraums – und da wollen und sollen alle mitreden! Es muss nicht immer mit der grossen «Kelle» angerührt werden, Beteiligung ist auch im kleinen Rahmen und pragmatisch möglich.

Warum mehr tun als gesetzlich vorgeschrieben?
Das RPG sowie die kantonalen Bau- und Strassengesetze schreiben Mitwirkung der Bevölkerung vor, im Minimum muss informiert werden oder die Pläne sind öffentlich aufzulegen. Reicht das denn nicht aus? Unsere Antwort lautet: Manchmal ja, häufig aber eben nicht.
Formell mitwirken - etwa durch Verfassen einer schriftlichen Stellungnahme im Rahmen einer öffentlichen Planauflage – will und kann nur ein kleiner Teil der Be-völkerung. Eine Beschränkung auf die formelle Mitwirkung ist insbesondere dann sinnvoll, wenn es keinen echten Gestaltungsspielraum gibt oder das Geschäft für die Mehrheit der Bevölkerung von untergeordneter Bedeutung ist (etwa für eine Anpassung von Baulinien).
Ist die Öffentlichkeit (und insbesondere künftige Generationen) jedoch besonders betroffen von einer Planung, so macht es Sinn, die Bevölkerung aktiver und frühzeitig einzubeziehen. Solche informellen Mitwirkungsprozesse bieten sich zum Beispiel an für Planungen oder Projekte der strategischen Gemeindeentwicklung oder der Innenentwicklung (wie etwas Leitbilder, kommunale Richtplanung, Entwicklung grösserer Areale, Gestaltung öffentlicher Plätze o.ä.). Sie ermöglichen – anders als die formelle Mitwirkung – eine gemeinsame Lösungsfindung im Dialog.
Partizipation hat die Aufgabe, die Bedürfnisse abzuholen und wichtige Anliegen der Öffentlichkeit einfliessen zu lassen. Das Treffen abschliessender Entscheidungen bleibt Aufgabe demokratisch legitimierter Gremien. Beteiligungsprozesse sind damit Meinungsbildungs-, aber auch Sensibilisierungsprozesse, welche den Boden ebnen für politische Entscheidungen. Informelle und formelle Verfahren müssen sich gegenseitig ergänzen und erfordern eine gute Abgrenzung, was diese jeweils leisten sollen.

Partizipation kostet, lohnt sich aber langfristig allemal!
Richtig, partizipative Prozesse sind aufwändig und kosten mehr als formelle Verfah-ren. Sie können jedoch Fehlplanungen und unnötigen Zeitverlust verhindern. Scheitert zum Beispiel ein Vorhaben nach jahrelanger Planung spät an der Urne, so wünschen sich die Verantwortlichen nicht selten, sie hätten die Kosten für den früheren Einbezug der Bevölkerung nicht gescheut. Zudem machen die Kosten für die Beteiligung in aller Regel lediglich einen kleinen Bruchteil der (Bau-)Kosten für das eigentliche Vorhaben aus. Und vor allem sind die Lösungen besser abgestützt und treffen die Bedürfnisse der Bevölkerung besser. Das reicht eigentlich schon als Argument, oder?

Auf was ist zu achten?
Ziel und Zweck der Beteiligung muss vor Prozessbeginn geklärt sein. Besteht kein Spielraum, das Ergebnis zu beeinflussen, soll auf einen Beteiligungsprozess ver-zichtet werden. Die verantwortlichen Politiker und Behörden müssen vom Nutzen überzeugt sein und den Prozess in der Öffentlichkeit engagiert vertreten. Leadership braucht es nicht nur zu Beginn, sondern kontinuierlich über den ganzen Prozess. Dabei ist die Öffentlichkeit immer wieder über den Stand der Planung, ihre Rolle und Mitwirkungsmöglichkeiten sowie die Spielregeln zu informieren. Die Prozessmoderation muss politisch und fachlich neutral und unabhängig sein. Im Rahmen des Spielraums ist Ergebnisoffenheit zentral. Idealerweise können auch überraschende Ideen oder zufällig entstandene Lösungsvorschläge aufgenommen werden. Formate für die Beteiligung gibt es unzählige. Die geeignete Beteiligungsform muss in Abhängigkeit von Ziel und Kontext definiert werden – in jedem Fall müssen die gewählten Methoden Spass machen und die Lust an gemeinsamer Arbeit wecken. Von einer gemeinsamen Begehung, über Grossgruppen-Workshops bis hin zur online-Beteiligung ist alles möglich. Durch den Einbezug von betroffenen Laien wird das Fachwissen der zuständigen Planer ergänzt durch Alltagswissen der «Experten vor Ort» (welches erst noch gratis verfügbar ist). Eine gute Gesprächskultur mit Begegnung auf Augenhöhe ist zentral, Angst vor Differenzen ist ein schlechter Ratgeber.

Erfolgsfaktoren
— Betroffenheit der Akteure besteht
— Ziel(e) der Beteiligung sind geklärt
— Politisch Verantwortliche sehen Mehrwert, sind sichtbar und engagiert
— Kontinuität im Prozess wird gewährleistet
— Rollen sind klar, Prozessmoderatoren sind unabhängig und neutral
— Ergebnisoffenheit im Rahmen des Gestaltungsspielraum ist vorhanden, Zufälle
     haben Platz
— «Lustvolle» Formate garantieren Spass
— Begegnung auf Augenhöhe, alle Beteiligten sind Experten, alle Inputs werden ernst
     genommen
— Keine Angst vor Differenzen

 
 

EBP berät und unterstützt Gemeinden bei der Gestaltung von öffentlichen Beteili-gungsprozessen im Rahmen von Planungsverfahren. Wir gestalten Prozesse, mo-derieren Veranstaltungen und erstellen bei Bedarf alle nötigen Kommunikations-produkte für die verschiedenen Zielgruppen. Aus einem grossen Repertoire ver-schiedener Beteiligungsformen wählen wir gemeinsam die passende aus. Dabei kombinieren wir unsere langjährige Expertise im Leiten und Umsetzen von Raum-, Verkehrs-, Energie- und Umweltprojekten mit fundierten Kompetenzen in Partizipation und Kommunikation. www.ebp.ch/de/thema/organisation-prozesse/beteiligungsprozesse

 
 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen

Kontakt

Schweizerischer Gemeindeverband
Postfach, Laupenstrasse 35, CH-3001 Bern
Tel.: 031 380 70 00
verband(at)chgemeinden.ch

Folgen Sie uns auf

"In comune" auf Facebook (öffnet neues Browserfenster)

Schweizerischer Gemeindeverband

Schweizerischer Gemeindeverband
 

2013. Alle Rechte vorbehalten. Bitte lesen Sie die «Allgemeinen rechtlichen Hinweise, Datenschutz», bevor Sie diese Website weiter benützen.